Das magische Horn
März 30, 2008 von schmolldrops
Große Aufregung herrschte im Zauberwald. Alle Tiere und Fabelwesen hatten sich auf der Lichtung versammelt und freuten sich auf das Ereignis. Heute war ein ganz besonderer Tag. Er fand nur etwa alle 100 Jahre statt und die Sterne standen ganz besonders günstig. Ein neues Einhorn sollte geboren werden und alle wollten dabei sein, um den Neuankömmling zu begrüßen.
Einhörner werden aber nicht einfach so geboren. Ihre Anzahl steht schon seit Urzeiten fest. Die Mutter aller Einhörner, die es jemals gab und geben wird, war eine wunderschöne, weiße Stute, welche eine besondere Gabe hatte. Sie legte Eier, die über Jahrtausende hinweg von einem Drachen bewacht und gepflegt wurden. Das waren aber keine normalen Eier, sondern große Edelsteine. Ein Einhorn schlüpfte aber immer nur dann, wenn es am meisten gebraucht wurde. Sie sollten das Gleichgewicht zwischen den guten und bösen Mächten auf der Welt wieder herstellen. Erfüllte es seine Aufgabe, dann verschwand es wieder. Nie hat man danach eines von ihnen wiedergesehen. Manche erzählen sich, das riesige Bäume an der Stelle wuchsen, an denen das Einhorn zuletzt stand oder es entsprang dort eine neue Quelle. Aber genau wusste es niemand.
Das Ei lag auf der Lichtung in einem weichen Nest, gepolstert mit Moos und Daunenfedern. Es war dunkelrot und funkelte wie ein kostbarer Rubin. Wenn der erste Mondstrahl das Ei berührte, dann war der richtige Zeitpunkt gekommen. Die Spannung wurde immer größer. Die meisten Tiere und Fabelwesen sollten dieses Ereignis zum ersten Mal sehen. Nur der alte Drache, der die Eier schon seit Ewigkeiten bewachte, war bei jeder Geburt eines Einhorns dabei. Er vergoss immer Tränen der Freude, wenn sie geboren wurden und Tränen der Trauer, auch wenn er es niemals zugeben würde, wenn sie wieder verschwanden. Nicht einmal er wusste wohin sie wieder gingen.
Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne berührten bereits den Horizont und Dunkelheit legte sich über den Wald. Eine feierliche Stille breitete sich aus. Alle schwiegen, um ja nichts zu verpassen. Dann war es soweit. Der Mond stand genau über der Lichtung und sein Strahl wanderte langsam zum Nest und berührte das Ei. Zuerst tat sich lange nichts und schon wurde ein leichtes Raunen unter den Tieren hörbar. Dann sah man den ersten Riss in der Schale und ein helles Licht drang von innen heraus. Es knackte und knirschte leise, minutenlang und dann war wieder Stille. Unheimliche Stille und viel zu lange, denn es passierte nichts mehr. Alle warteten und der Mond wanderte bereits weiter Richtung Wald, aber das Ei blieb wie es war. Irgend etwas stimmte nicht. Das Raunen wurde stärker. Was war los? Warum blieb es geschlossen?
Der alte Drache schob brummend alle Tiere beiseite und sah sich das Ei genauer an. Er drehte es leicht, horchte daran und kratzte sich hinter den dicken Hörnern am Kopf. Dann fing er vorsichtig an die Schale mit seinen Klauen aufzupuhlen. Endlich konnte man es sehen. Ein zierliches und schneeweißes Fohlen kam zum Vorschein. Die Tiere jubelten, tanzten und hüpften umher. Doch der Drache brachte sie mit einem einzigen mahnenden Zischen zum Schweigen. Betreten sahen sich alle an. Wie konnten sie nur so dumm sein? Sicher hatten sie das kleine Einhorn furchtbar erschreckt.
Aber das war nicht der einzige Grund. Stirnrunzelnd schaute der Drache das kleine, hilflose Wesen in seinen Klauen an. Die Tiere reckten die Hälse, um etwas zu sehen. Alle schoben und drängelten, denn jeder wollte wissen was los war, aber der Drache bedeckte es sorgfältig und verbarg es vor den Blicken der anderen. Dann begab er sich kopfschüttelnd und leise vor sich hinmurmelnd in seine Höhle und verschloss sie.
Verdutzt und völlig ratlos schauten ihm die Tiere hinterher und da sie keine Chance hatten auch nur einen klitzekleinen Blick in die Höhle zu werfen, zogen sie sich zurück. Eine bedrückte Stimmung lag über dem ganzen Zauberwald. Selbst die Bäume wiegten ihre Kronen schwerfällig im leichten Abendwind, als würden sie über das eben Geschehene nachdenken.
Der Drache saß unterdessen in seiner Höhle und betrachtete das kleine Fohlen mit besorgtem Blick. Es hatte die Augen geschlossen und schlief tief und fest. Es war sicher erschöpft. Kein Wunder, der kleine Körper musste sich mächtig angestrengt haben. Wie hätte er es auch schaffen sollen die harte Schale zu durchbrechen ohne die Hilfe seines spitzen Horns. Seufzend legte sich der Drache auch nieder, um zu schlafen. Morgen war ein neuer Tag und morgen würde er weiter darüber nachdenken. Vielleicht fiel ihm über Nacht etwas ein. Armes, kleines Wesen, dachte er. Was war ein Einhorn schon ohne sein Horn?
Der Drache schlief sehr unruhig in dieser Nacht. Zu groß war seine Sorge, um das kleine Fohlen. Am nächsten Morgen zog er die weise, alte Eule zu Rate. Sie musste ihm versprechen über das was sie sehen würde zu schweigen und das tat sie auch. Die Eule wiegte ihren Kopf hin und her und dachte nach, sehr lange. Der Drache wurde ungeduldig. Doch nachdem er ihr das Einhorn gezeigt hatte, sprach sie: „Es gibt eine sehr alte Geschichte. Niemand weiß es genau. Man sagt, die uralten Bäume und Quellen erzählen sie manchmal, wenn man genau hinhört.“ Wieder wiegte die Eule ihren Kopf und schwieg.
„Nun ist es aber genug. Wir haben nicht viel Zeit,“ brummte der Drache und verlangte von ihr die ganze Geschichte zu hören. Die Eule erzählte ihm also alles was sie wusste. „Die Menschen sind nicht mehr wie früher. Die wenigsten glauben noch an Wunder und Magie. Eines Tages, so erzählt man sich, wird niemand mehr daran glauben und dann werden die Fabelwesen aufhören zu existieren. Wunder und Magie werden der Vergangenheit angehören und unsere Welt wird ein grauer und trauriger Ort.“ Sie machte eine kurze Pause. „Ich fürchte, es ist bereits soweit,“ seufzte die Eule und sah traurig auf das hornlose, kleine Einhorn.
„Das lasse ich nicht zu!“, donnerte der Drache so laut, dass die Eule erschrocken hochflatterte. „Wir werden jemanden finden, der noch daran glaubt.“
Fast zur gleichen Zeit wurde am anderen Ende des Waldes in einem kleinen Holzhaus ein Menschenkind geboren. Es vergingen einige Jahre und aus dem Menschenkind wurde ein hübsches, junges Mädchen. Das Mädchen war sehr fleißig und bemüht ihren Eltern ein gutes Kind zu sein. Sie war immer freundlich, neugierig und liebte alle Tiere und Pflanzen.
Eines Tages verletzte sie sich beim Spielen an den Dornen eines Rosenbusches und verlor so ihr Augenlicht. Ihre Eltern waren darüber sehr traurig, doch das Mädchen blieb weiterhin unbekümmert und half ihnen wo sie nur konnte. Am allerliebsten verbrachte sie jedoch ihre Zeit im Wald bei den Tieren. Dort konnte sie stundenlang dem Zwitschern der Vögel lauschen und den Duft der Wildblumen atmen. Die Tiere des Walds hatten keine Scheu vor ihr. Bunte Vögel saßen auf ihren Schultern und sangen von wunderschönen Orten, Rehe und Hasen legten herrlich duftende Kräuter in ihre Hände und selbst die Füchse vergaßen in ihrer Gegenwart das Jagen.
Unter den Tieren befand sich auch immer eine zarte, weiße Stute. Das konnte das Mädchen aber nicht sehen. Die Stute folgte ihr überall hin und begleitete sie, in einiger Entfernung, wenn sie sich wieder auf den Heimweg machte.
Eines Tages waren Diebe im Wald unterwegs, um ihre Beute zu verstecken, und kreuzten gegen Abend auch den Heimweg des Mädchens. Es waren finstere Gesellen mit bösen Gedanken und weil sie befürchteten das Mädchen könnte sie erkannt haben und verraten, nahmen sie sie gefangen und verschleppten sie in ihren Unterschlupf. Sie ahnten nicht, dass das Mädchen blind war.
Viele Stunden weinte das Mädchen und bat um ihr Leben. Doch all das nutzte nichts, sie sollte sterben. Der Anführer hielt schon das Messer in der Hand, als einer der Diebe erkant, dass das Mädchen nichts sehen konnte. Er bereute was sie vorhatten und bat nun seinerseits um ihr Leben. Als die anderen sich vergewissert hatten, das er Recht hatte, ließen sie ab von ihr und schickten sie nach Hause. Nicht aber ohne sie vorher noch zu warnen, nichts darüber zu erzählen was sie erlebt hatte. Das Mädchen versprach es ganz fest, bedankte sich und lief zurück in den Wald.
Doch sie fand den Weg nach Hause nicht und irrte lange umher. Die weiße Stute aber war ihr die ganze Zeit gefolgt und war so froh darüber, dass dem Mädchen nichts geschehen war, dass sie beschloss, sich endlich bemerkbar zu machen. Sie stellte sich ihr in den Weg und wartete. Das Mädchen spürte die Gegenwart des Tieres und ging darauf zu. Sie wusste, dass sie nun keine Angst mehr zu haben brauchte und streckte langsam ihre Hand aus, um es zu berühren.
Das Fell fühlte sich samtig und weich an, warme Luft blies auf den Nüstern und streichelte ihre Haut. Vor Erleichterung weinte sie und sprach: „Bis eben habe ich nicht mehr an Wunder geglaubt, aber nun habe ich wieder Hoffnung.“ Sie umfasste den Kopf der Stute und küsste liebevoll deren Stirn. Ein helles, warmes Licht erschien plötzlich an genau dieser Stelle und ließ ein silberweißes Horn erscheinen. Aus der weißen Stute wurde ein wunderschönes Einhorn. Es wieherte freudig und berührte mit der Spitze seines Horns vorsichtig die Augenlider des Mädchens. Ihre Augen wurden dadurch wieder geheilt und sie konnte endlich wieder sehen.
Das Mädchen konnte es noch gar nicht fassen, umarmte voller Freude das Einhorn und sprang und tanzte mit ihm umher. Angelockt von diesem Freudentaumel versammelten sich alle Lebewesen des Waldes um sie herum und freuten sich mit. Auch der alte Drache hatte alles von weitem beobachtet und zerdrückte heimlich ein paar Tränen des Glücks und der Freude. Er schnappte sich die verduzte Eule und drückte sie kurz an sein riesiges Herz. Er schmunzelte zufrieden, denn er hatte ihn die ganze Zeit, den Glauben an ein gutes
ENDE
© Corinna Möller 2008

Hallo Corinna,
das ist ein ganz bezauberndes Märchen. Ich habe mich hier bei dir ein bisschen umgeschaut und freue mich an den schönen Gedichten und Geschichten. Großes Kompliment und weiter so!
Liebe Grüße
Gina